Konsequent mit Frauen Tango tanzen

Die letzten drei Monate hatte ich eine interessante Wette am Laufen, nämlich beim Tango tanzen ausschließlich mit Frauen zu tanzen. Ich habe sie abgeschlossen um zu beweisen wie schwer es ist, beim Tanzen entgegen der Heteronormativität zu leben.
Heute gibt es hier ein paar Anekdoten aus diesem Zeitraum. In absehbarer Zeit werde ich außerdem auseinandernehmen wie Heteronormativität das Tango tanzen beeinflusst und einschränkt, und ein paar Tipps geben, wo alles Queertango Veranstaltungen zu finden sind. Wenn du ganz dringend auf der Suche nach derartigem bist, sag mir Bescheid! Dann gebe ich dir im vorhinein ein paar Tipps.

Allen, die nicht Tango tanzen, sei schnell noch verraten, dass eine Milonga eine Party ist, wo Tango getanzt wird. Die ganze Zeit wird Musik aufgelegt zu der getanzt wird, in der Mitte ist die Tanzfläche und ringsherum können die, die gerade nicht tanzen in kuscheligen Sofas versinken oder auf weniger kuscheligen Stühlen sitzen. Meist gibt es auch eine Bar wo mensch Getränke bekommt, wenn nicht sogar leckeres Essen.
Da ich mich weigere von der „Frauen-“ oder „Männerrolle“ zu schreiben benutze ich die Begriffe „Führende:r“ und „Folgende:r“ um anzuzeigen, wer führt. Das ist in der Tangoszene, in der ich mich bewege, so auch üblich.

Hier sind die Anekdoten…

Ich erzähle einer Milongabetreiberin, dass ich wegen einer Wette drei Monate lang nur mit Frauen tanze. Sie schaut mich mit erschreckt aufgerissenen Augen an und sagt: „Aber wieso denn, es gibt doch so viele gute Tänzer!“
Möglichkeiten zu antworten wären gewesen: „Du kannst sie geschenkt haben“, „Es gibt auch verdammt gute Tänzerinnen.“, „Ich bin lesbisch und tanze nun mal lieber mit Frauen.“
Ich habe nichts von alledem gesagt. Denn mir ist irgendwie schon klar, was in dem Moment passiert ist: da sie nicht weiß, dass ich lesbisch bin, ist sie davon ausgegangen, dass ich heterosexuell bin. Und demzufolge genauso gerne mit Männern tanze wie sie, mit Männern tanzen nämlich grundsätzlich meinem Bedürfniss entspricht, mit Frauen tanzen dagegen eher außerhalb meines Horizonts liegt, ich also Selbstkasteiung betreibe. Ein Hoch auf die Heteronormativität. Prost!

Eine SMS von Nicole (die eigentlich nicht Nicole heißt): „Gestern auf der Milonga waren fünf Frauen die führen können!!!“ Wahnsinn. Fünf. Ganze fünf Menschen mit denen ich tanzen wollen würde und könnte, ohne an die Grenzen meiner Fähigkeiten zu stoßen. Ginge ich mit Nicole auf eine Milonga auf der nur fünf Männer wären, die führen könnten, fände sie das nicht gerade witzig. Eher im Gegenteil. Vermutlich würde sie nie wieder auf diese Milonga gehen. Aber ich soll glücklich darüber sein. Ich finde das zynisch. Prost! Auf die Heteronormativität.

Highlight: Queermilonga. Theoretisch hätte ich mit allen anwesenden Frauen tanzen können. Juchhu… :) <3 Ärgerlicherweise war ich schüchtern und kannte niemanden. Dadurch habe ich kaum aufgefordert und getanzt habe ich nur wenig. Trotzdem fand ich es sehr angenehm. Ich habe mich heimisch und zugehörig gefühlt.

Ein Tiefpunkt auf einer "normalen", also nicht-queeren Milonga: Ich saß eine halbe Stunde lang mit Tränen in den Augen da. Sah schönen Frauen beim tanzen zu und konnte keine auffordern weil ich für die überfüllte Tanzfläche nicht gut genug führe. Dabei wanderten die Sätze "Ich hasse es, lesbisch zu sein. Wäre ich nicht lesbisch, wäre mein Leben viel unkomplizierter." in der Dauerschleife durch meinen Kopd. Es war furchtbar. Anna hat dann aber irgendwann wieder neben mir gesessen und ich konnte mich von meinen miesen, trüben Gedanken ablenken.

Anna kann führen! Gut, Anna heißt nicht Anna, aber was solls. Ich nenne ich sie um der Anonymität wegen Anna. Anna ist eine Freundin von mir und lebt und tanzt hetero. Anna hat Zeit ihres Tangolebens immer gefolgt. Durch meine blöde Wette, drei Monate lang nur mit Frauen zu tanzen, wurde sie inspiriert auch mal zu führen. Und konnte es dann plötzlich, aus dem Nichts heraus. Gelernt hat sie es allerdings auf sehr ungewöhnliche Art.
Nämlich so: Sie tanzte mit einem Anfänger der noch nicht so gut tanzen konnte und langweilte sich dabei. Irgendwann hatte sie keine Lust mehr ihr Talent zu vergeuden und begann zu tanzen, wozu sie Lust hatte und zog ihn dabei hinter sich her. Er hat sich klaglos hinterher ziehen lassen. Das machte sie dann auch mit mir, ich in der Position der "Folgenden". Nachdem sie ein Lied lang geführt hat und dabei so tat, als ob sie folgen würde, beschlossen wir, dass sie jetzt auch mal offiziell führen könne. Sie tat das. Und konnte plötzlich führen. Einfach so. Ohne jemals Unterricht gehabt zu haben. Wahnsinn!!!

Nach diesem Erlebnis, das Anna ohne jeden Unterricht plötzlich führen kann fand ich heraus, warum ich nach monatelangem Versuch führen zu lernen es immer noch nicht kann. Es ist eine fatale Mischung auf Perfektionismus und Zaghaftigkeit. Statt etwas falsch zu machen, mache ich lieber gar nichts. Meine Tangolehrerin kommentierte das mit "Typisch Frau." Ich kann ihr nur Recht geben. Tatsächlich kämpfe ich da mit einem Konsequenz von weiblicher Sozialisation.

Und immer wieder aufs Neue der Dialog: "Warum lernst du führen?" "Um mit Frauen zu tanzen." "Hä! Warum willst du denn mit Frauen tanzen?" Ähm, naja, so halt. Mit Frauen tanzen ist schön. Frauen sind schön, sie fühlen sich toll an.
Was soll ich denn sagen? "Ich bin lesbisch"? Kann ich nicht einfach gerne führen? Oder gerne mit Frauen tanzen? Bloß so? Aus Spaß? Ist das nicht Grund genug? Ein Hoch auf Sexismus und Heteronormativität. Prost! Und noch mal Prost!

Ich werde von einem (physisch gesehen) Mann aufgefordert und antworte: "Tut mir Leid, aber ich tanze im Moment ausschließlich mit Frauen." Er sagt: "Aber ich bin doch eine Frau!" Ich grinse innerlich, denke mir "Was solls, wenn ich die queer theories bejahe muss ich ihm jetzt auch glauben.", stehe auf und tanze mit ihm. Konsequenterweise rede ich mit ihm danach nur noch als ob er eine Frau ist. Wer weiß, vielleicht ist er ja auch eine Frau?

Ich bin wieder auf einer Queermilonga. Der Mensch hinter der Kasse erkundigt sich bei mir: "Bist du wegen queer oder wegen alternativ hier?" Ich denke mir "Oh man, wann hört das auf? Wenn ich mir "lesbisch" auf die Stirn tätowieren lasse?" und antworte: "Wegen queer."

Und doch gibt es immer wieder diese schönen Momente, bei denen ich mit Frauen tanze. Meine Wange hin und wieder ihre Wange streift, ich sie riechen kann und die Berührung unserer Hände und Oberkörper genieße. Das ist schön! Es hat sich gelohnt. Nicht nur, weil ich jetzt noch viel mehr einleuchtende Bespiele dafür habe, wie sehr Heteronormativität Menschen einschränkt, sondern auch, weil ich ohne diese Wette nicht die Tänzerinnen kennengelernt hätte, mit denen ich jetzt tanze. Vielen Dank an mich selbst und meine furchtbare Sturheit, wenn es darum ging, die Wette durchzuziehen. Obwohl ich ein Mal ganz knapp davor war, sie einfach hinzuschmeißen.
Ab jetzt tanze ich wieder mit allen Geschlechtern und lasse mich durch Heteronormativität nicht mehr einschränken, es sei denn es kommt dadurch, nicht heteronormativ zu tanzen, zum Konflikt mit meinem Gender.

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2 Antworten zu Konsequent mit Frauen Tango tanzen

  1. nachtblaue schreibt:

    sehr cool geschrieben. ja… ich kenne das! inzwischen kann ich aber besser führen und so gibt es viel auswahl ;-) dennoch finde ich es auf queermilongas und -festivals am entspanntesten, denn dort tanzen die meisten beide rollen. vielleicht treffen wir uns mal irgendwo
    nachtblaue grüsse

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